A Winter in books…

Über Bücher zu schreiben, ist ein merkwürdiges Unterfangen. Es ist ja nun nicht so, dass in unserer Kultur Bücher eine vergessene oder noch nicht entdeckte Kunstform wären, die Fürsprecher_innen braucht, die über diese Form berichten und sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen. Im Gegenteil: Wir haben eine etablierte Feuilleton-Landschaft, einen eigenen Wissenschaftszeig, diverseste Zeitschriften und darüber hinaus noch unzählige Blogs, die sich mit Büchern und Romanen befassen. Es handelt es sich bei diesem A Year in books-Projekt zudem auch nicht um wenig gelesene, übersehene Schätze des Mediums, die sonst keiner bespricht oder um ganz neu erschienene Bücher. Auch hier eher das Gegenteil: Ein Großteil der Bücher ist nicht brandneu, einige sind eher dem Genre „Klassiker“ zuzuordnen und wahrscheinlich schon in 10000000… Beiträgen besprochen, analysiert, erschlossen, zerredet, dekonstruiert und wieder neu zusammengesetzt worden. Warum also noch mehr über Bücher schreiben?

Für mich besteht die einzige Möglichkeit, in einer solchen Situation einen Blog wie diesen zu rechtfertigen (wenn man denn davon ausgeht, dass es eine andere Rechtfertigung braucht außer: „Ich hatte Lust dazu“), darin zu sagen: Ich schreibe über mich und diese Bücher, darüber, was sie in mir auslösen, was mir dazu einfällt, wie ich sie einsortiere. Dann braucht es nur noch ein Minimum an Hybris, um sich davon zu überzeugen, dass die eigene Perspektive einzigartig ist und schon hat man seine Rechtfertigung. Streng und systematisch betrachtet ist sie auch korrekt: Ich bin der einzige Mensch, der aus meiner Perspektive schreiben kann. Zugegeben, es ist davon auszugehen, dass andere Leute auf ähnliche Ergebnisse kommen, wenn sie über (sich und) diese Bücher schreiben. Aber wenn das, was ich hier schreibe, angesichts der 10000000…. Worte, die schon über diese Bücher geschrieben worden sind, interessant und den (Schreib- oder Lese-)Aufwand wert sein soll, dann nur, weil es um das geht, was zwischen mir und diesen Texten liegt, was in meiner Auseinandersetzung damit entsteht. Zumindest hab ich Lust, darüber zu schreiben – und dann interessiert vielleicht auch andere Menschen.

Wenn ich aus dieser Perspektive auf den ersten Abschnitt – das Winter-Quartal – schaue, dann tritt mir vor Augen, dass dieses Projekt vor allem eines ist – ein Kalender. Es markiert das Vergehen von Zeit. Dazu ist ein Kalender schließlich da: Er ermöglicht uns, das unumgängliche, aber wirklich schwer zu fassende Konzept von vergehender Zeit mess- und damit greifbar zu machen. Wenn ich jetzt auf diese drei Monate zurück blicke, ist es das, was mir (jenseits der konkreten Geschichten) am ehesten im Gedächtnis bleibt. Das geschieht über

  1. die Bücher selber: Am deutlichsten beschäftigt sich Winter Journal von Paul Auster mit dem Thema Zeit: Der Autor rekonstruiert von seinem 64-jährigen Ich aus seine Erinnerungen. Doch auch die Figuren in 1Q84 sind viel mit ihren Kindheitserinnerungen befasst, die hier so eine Art Urknall für den Fortgang der Geschichte bieten.
  2. den absoluten Lesezeitpunkt: Am deutlichsten merke ich das an 1Q84: Die beiden Bücher markieren Anfang (Dezember – Buch 1 & 2) und Ende (Februar – Buch 3) des Quartals. Wenn ich jetzt an den Dezember zurückdenke, denke ich an dunkle Wintertage, an lange Weihnachtszugfahrten, auf denen mich das Buch begleitet hat. Denke ich an Buch 3, kommt mir meine fast schon traditionelle Februar-Erschöpfung in den Sinn. Beides ist angesichts von 15 Grad und Sonnenschein Mitte März nur noch schwer vorstellbar.
  3. den relativen Lesezeitpunkt: Einige der Bücher oder Autoren kannte ich bereits von früher. Sowohl American Gods (bei dem mich dieses Thema sehr beschäftigt hat) als auch Paul Auster hab ich ungefähr mit Mitte 20 entdeckt. American Gods habe ich über die Jahre wieder und wieder gelesen, Paul Auster hingegen im Alter von ungefähr 28 bis 38 gar nicht (damit scheine ich aber nicht der oder die einzige zu sein…). Beide Leseerlebnisse sind daher für mich untrennbar verbunden mit meinem Ich mit Mitte bis Ende 20 und ich kann nicht umhin, mich zu wundern, was mit den 10-15 Jahren dazwischen passiert ist und wieviel von meinem damaligen Ich heute noch ein Teil von mir ist.

Wenn das Vergehen von Zeit auch immer einen bitteren Beigeschmack hat (weil sie eben vergangen ist und daher auch nicht wiederkommt), sind diese Bücher gleichzeitig ein Erinnerungsanker: Sie bringen mich zurück zu dem, der ich einmal war. Sie sind Pfeiler im Strom der Zeit und bieten mir Orientierung in der ständigen (und ehrlich gesagt: etwas verwirrenden ;-)) Abfolge des ständigen „Heute“, des nie zu erreichenden „Morgen“ (das ja immer schon „Heute“ ist, wenn man es erreicht) und einem „Gestern“ aus dem plötzlich 10 Jahre werden (Ja, ich werde nächstes Jahr 40. Warum fragen Sie?). Und das finde ich – neben der Tatsache, mal ein paar Bücher in die Hand zu nehmen, die ich sonst eventuell nicht gelesen hätte – doch sehr lohnenswert.

Ein eher technische Anmerkung: Ich merke, dass mich das „1 Buch pro Monat“-Format in der Auswahl dessen, was ich gerade lesen will, deutlich einschränkt. Das führt tendenziell dazu, dass sich das Lesen ein bisschen nach Pflichtübung anfühlt. Diesen Effekt würde ich gerne so minimal wie möglich halten. Eventuell gehe ich dazu über, den ganz strengen Monats-Rhythmus aufzugeben und stattdessen vier Bücher pro Jahreszeit anzustreben (oft entscheide ich mich dann doch so wie geplant. Aber es hilft mir, mir eine Alternative zu bauen. Dann kann ich mich nämlich wieder dazu entscheiden, die Dinge so – oder eben anders – zu machen).

Next stop: Drachenreiter von Cornelia Funke oder The Lion, the witch and the wardrobe von C.S. Lewis. Die sind aber leider beide in der Post verschollen. Dann lese ich solange eben die Mars-Chroniken von Ray Bradbury (sorry, ich konnte nicht widerstehen. Viel Spaß mit dem Ohrwurm). Zum Abschluss gibt´s noch das obligatorische Foto:

Eine Übersicht über den Winter-Fundus (aufrecht stehend: Was ich daneben noch gelesen habe...)

Eine Übersicht über den Winter-Fundus (aufrecht stehend: spontane Zusatzlektüre)

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