American Gods, die sechste…

Das Ankerbuch für den Winter in meinem Leseprojekt ist „American Gods“ von Neil Gaiman. Was ich u. a. an diesem Buch so liebe, ist die Tatsache, dass mir mit jedem Lesen andere Dinge auffallen und sich neue Aspekte des Textes erschließen. Das Buch wird dadurch beim (Wieder-)Lesen keineswegs langweiliger, er gewinnt eher an Tiefe (ob das wirklich am Text liegt oder daran, dass ich bei jedem Lesen „ein anderer“ geworden bin, weil wieder 3, 4, 5… Jahre ins Land gegangen sind, vermag ich jedoch nicht zu sagen).

Lesen als Tiefenbohrung

Jedenfalls hab ich dieses Buch nun gerade zum wahrscheinlich sechsten mal gelesen (ganz genau kriege ich das nicht mehr rekonstruiert). In den vorherigen Lektüren haben mich dabei Dinge beschäftigt wie

  • die Gründlichkeit, mit der der Two-Man-Con und der Lakeside/Hinzelmann-Handlungsstrang in das Buch eingewoben sind (für beides gibt es im Buch Tonnen an Hinweisen, die ich vorher einfach überlesen habe);
  • die Bedeutung der Münztricks (sie sind Hinweise auf die „Art of Misdirection“ und deuten an, dass Shadow eigentlich ein Ablenkungsmanöver von Mr. Wednesday ist);
  • die Coming to America-Geschichten oder
  • Shadows Abstammung als Sohn des Odin und die Einbettung des Buches in Sagen und Mythen/Mytheme.

Dieses Mal hab ich mich gefragt, warum und an welcher Stelle Mr. Wednesdays Plan, der ja eigentlich ziemlich gut durchdacht ist, schiefgeht. Dafür gibt es zwei Ankerpunkte: a) Shadows Frau Laura sollte eigentlich tot sein, ist sie aber nicht und greift darüber immer mal wieder in die Handlung ein. Daneben steht b) die Tatsache, dass es immer wieder Entitäten gibt, die Shadow helfen, obwohl er ja – als Sohn Odins – dem nordischen Pantheon angehören müsste und wie er selber immer mal wieder betont, gar nicht an sie glaubt(e). Und irgendwie hat sich aus dem letzten Punkt in meinem Kopf eine wüste Theorie zusammengesponnen, die aus verschiedenen Elementen besteht. Also bear with me, das ganze führt irgendwo hin.

1. Wie sieht Marsellus Wallace eigentlich aus?

Es gibt im Buch durchaus den einen oder anderen Hinweis darauf, wie Shadow aussieht (jenseits von „groß“ und „muskebepackt“). Diese Hinweise sind aber derart weit über das Buch verstreut, dass ich fast nicht glauben kann, dass diese Anordnung Zufall ist. Die Beschreibungen bleiben weiterhin vage, aber zumindest gibt es immer wieder Hinweise darauf, dass Shadow dunkle Haare und einen eher oilv-/bronzefarbenen Teint hat. Und beides finde ich bei jemandem, der väterlicherseits skandinavischer Abstammung ist, zumindest bemerkenswert.

2. Harry spricht Parsel!

Einer der großen „Verbündeten“ von Shadow ist der Mann mit dem Büffelkopf, der ihm in seinem Träumen immer wieder über den Weg läuft und sich hintenraus als Amerika selbst („the land“) entpuppt. Zudem ist Shadow in der Lage, sich mit einem Thunderbird zu unterhalten. Außerdem wissen wir über seine Abstammung mütterlicherseits fast gar nichts – was mich zwischendurch zu der These verleitet hat, Shadow könnte in der mütterlichen Linie amerikanischer Ureinwohner sein (Sam fragt ihn das sogar irgendwann mal, aber er verneint).

3. Nomadismus und Metissage

Nun sagt mir diese Lesart aber nicht zu, und zwar aufgrund der ihr zugrunde liegenden im Kern rassistischen Logik (Du hast dieses „Blut“ in Deinen Adern, das macht Dich automatisch zu „einem von uns“ oder eben „keinem von uns“. Das ist ja mal totaler Quark…). Daraufhin ist mir dann aufgefallen, dass es eben noch einen ganzen Haufen anderer Entitäten gibt, die Shadow helfen und ihn schützen (Zorya Polunochnay, Horus, Bast, Eostre, Mad Sweeney…). Das widerum brachte mich auf den Gedanken, dass Shadow vor allem eines ist: Amerikaner. Und Amerika ist ein Einwanderlungsland, das bedeutet i. d. R., dass unter den eigenen Vorfahren Leute aus unterschiedlichsten Kulturen zu finden sind (was diese ganze Blut/Rasse/Ethnie-Logik aushebelt).

4. Amerika ist kein Land für Götter

Wenn diese Lesart stimmt (oder – worum es hier eigentlich geht – nachvollziehbar ist), ließe sich daraus weiter folgen, was Mr. Wednesdays Problem sein könnte: Er hat ganz grundlegend missverstanden, wie Amerika funktioniert. Er denkt über Shadow nur in der Kategorie „mein Fleisch und Blut“ nach und geht daher davon aus, ihn problemlos in seine Pläne einspannen zu können. Dass Shadow neben dieser Abstammung aber auch Amerikaner ist (mit allen Einflüssen, die dazu gehören), kommt Mr. Wednesday  überhaupt nicht in den Sinn. Und das ist – neben der Tatsache, dass Laura da noch rumrennt – das, was seine Pläne durchkreuzt.

5. The Art of (Meta-)Misdirection

Die Frage nach Shadows Abstammung ließe sich daher als ein weiteres Ablenkungsmanöver deuten: Neil Gaiman lenkt einen Großteil der Aufmerksamkeit auf das väterlich-nordische Erbe von Shadow, so dass Leser_innen ihn ganz klar in der patriarchalen Logik von „Odins Sohn“ denken und niemand auf das schaut, was hier auch von Interesse sein könnte: Die mütterliche-amerikanische Linie (und es passt zu Neil Gaiman, Motive auf verschiedenen Ebenen zu wiederholen: in den Münztricks; in Shadows Rolle im Two-Man-Con und in der Figur Shadow selber).

Uff…

Das war ein hartes Stück Arbeit. Ich hoffe, es ist einigermaßen nachvollziehbar (wie immer gilt: Das sind nur meine Gedanken und Interpretationen. Es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit oder „Richtigkeit“). Was mich wohl in der nächsten Runde beschäftigen wird?

Na ja, bis dahin wird auf jeden Fall noch etwas Zeit ins Land gehen, erstmal geht´s weiter mit „Winter Journal“ von Paul Auster.

P.S. Mann, hatte ich Spaß mit den Zwischenüberschriften heute…

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3 Gedanken zu “American Gods, die sechste…

  1. Was mir an American Gods gefallen hat, war die Idee, dass die Götter in einem anderen Land auch andere Götter sind bzw. dass auch Götter sich an ihre Umgebung anpassen müssen. Zumindest habe ich den Titel und das Buch so verstanden. Der Odin, der in America überleben muss, verhält sich sehr anders als zum Beispiel der Odin, den Shadow dann in Island (war es Island?) trifft. Bei den anderen Göttern scheint es sich recht ähnlich verhalten zu haben.

    • Ich steh ja total auf die Logik, nach der die neuen Götter eingeführt werden und wie es ihm gelingt, unsere „rationale“ Welt damit zu kommentieren, z.B. Media, die in jedem Haus einen Altar stehen hat oder die Auto- und Verkehr-Götter, denen Menschenleben geopfert werden…

  2. Pingback: A Winter in books… | Dialektik der Aufklärung täglich

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