Unvorhergesehene Hindernisse – Oder: Wenn ein Lesender die Geduld verliert

Das Januar-Buch meines A year in books-Projekts ist ein „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ von Italo Calvino. Beim Lesen dieses Buches ergibt sich ein sehr konkretes – und absurderweise von mir nicht vorhergesehens – Problem: Das Buch gefällt mir nicht, bzw. es packt mich nicht. Um meine Schwierigkeiten zu verdeutlichen, muss ich kurz etwas über den Aufbau des Buches erklären (wie immer: Here be Spoilers!).

Es beginnt damit, dass ein mit „Du“ bezeichneter Leser das Buch „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ von Italo Calvino erwirbt. Der Leser geht mit dem Buch nach Hause und beginnt zu lesen. Das erste Kapitel dieses Buches ist dann „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“, eine Art Agenten-/Gangster-Roman. Bevor aber so richtig klar wird, worum es in der Geschichte geht, stellt der Leser nach dem ersten Kapitel fest, dass er einen Fehldruck erworben hat, die Seiten wiederholen sich. Er geht zurück in die Buchhandlung, erfährt dort, es mit einem anderen Buch zu tun zu haben als geglaubt und kauft dann prompt dieses andere Buch. Dieses wiederum entpuppt sich als großbürgerliche Familiengeschichte, die nach dem ersten Kapitel von leeren Seiten gefolgt wird. Der Leser geht wieder in die Buchhandlung zurück, um Licht ins Dunkel zu bringen, stößt dabei auf eine dritte, vierte, fünfte… Geschichte. Von diesen Geschichten (Revolutionsromane, Krimis, Campusromane – im Folgenden mal, ähhm, öhhh… Geschichten/2 genannt) ist jeweils das erste Kapitel abgedruckt. Dazwischen sind die Erlebnisse des Lesers geschildert (Geschichte/1), der auf der Jagd nach diesem sich ihm wieder und wieder entziehenden Buch ist und dabei auf eine andere Leserin, Autoren, Professoren, Verleger, Übersetzer trifft. Mit jedem Kapitel der Geschichte/1 wird die Frage der Autorenschaft der einzelnen Geschichten/2 verworrener, weil sich zudem eine ganze Armada von Täuschungsmanövern, Falsch-Informationen, politischen Komplotten, historischen Neu-Interpretationen und Scheinidentitäten anhäuft. Und auch wenn ich

  • diese Idee grundsätzlich ganz charmant finde
  • immer wieder beeindruckt davon bin, wie es Calvino gelingt, Anfangs-Kapitel zu entwerfen, nach deren Ende ich tatsächlich weiter lesen will (angehende Autoren könnten sicherlich etwas über die Strukturierung von Buchanfängen lernen) und
  • durchaus sehen kann, dass Calvino mit der Erwartung spielt, eine kohärente Geschichte erzählt zu bekommen (auf diese Erwartungen geht er in der Geschichte/1 immer mal wieder ein) und damit im Prinzip die Idee eines Romans dekonstruiert,

finde ich dieses Buch unglaublich anstrengend. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum Einen kann ich zwar intellektuell nachvollziehen, dass es ein interessantes Gedankenspiel ist, Erwartungen zu konterkarieren und kann das auf der Ebene eines Kunstwerkes auch schätzen. Aber es bleibt bei diesem intellektuellen Nachvollzug. Meine Erwartungen bleiben trotzdem unerfüllt (mir ist schon klar, dass das der Punkt ist, ändert aber nichts an meinen Erwartungen): Auf der Ebene der Geschichten/2 fällt es mir zunehmend schwer, mich auf die Figuren und das Setting einzulassen (da ich ja weiß, dass diese am Kapitelende wieder irrelevant werden), während sich auf der Ebene der Geschichte/1 ein zunehmendes Verwirrspiel ergibt (zumindest bis zu dem Punkt, an den ich gekommen bin – ca. 200 von 270 Seiten). Zwischen den einzelnen Episoden entstehen zwar durchaus Verbindungen und sich wiederholende Motive, die entziehen sich aber dem oberflächlichen Lesen und bedürften m. E. tatsächlich eines gründlichen Studiums des Buches. Und dazu bin ich, ehrlich gesagt, zu faul.

Zum Anderen habe ich das Gefühl, dass hier das Struktur-Element des (Achtung: Fachbegriff) „Verschachtelte-irgendwie-zusammenhängende-aber-dann-auch-wieder-nicht-Geschichte-erzählen“ den Inhalt der Geschichte überlagert und fast ausradiert. Der einzige Autor, dem ich dieses (nochmal Fachbegriff) „sich-aufgeilen-an-der-Form-und-der-eigenen-Cleverness“ i. d. R. verzeihe, ist Alan Moore. Der kann das auch, aber a) hab ich das Gefühl, er kriegt meistens gerade noch die Kurve und b) hat er als Comic-Autor natürlich zwei Ebenen (Bild und Wort), mit denen er spielen kann. Da finde ich die Ergebnisse weitaus ansprechender.

All das führt dazu, dass ich zunehmend langsamer werde beim Lesen und meine Lesefortschritte den Charakter einer Sysiphos-Arbeit annehmen (von 20 Seiten am Tag auf 10, auf 5, auf 3, auf 2…) und ich mich zunehmend frage, warum ich das eigentlich lese (abgesehen von der Tatsache, dass ich angekündigt habe, es zu tun). Da zudem

  1. auch nicht wirklich ein Jahreszeiten-Bezug vorliegt (warum dem so ist, müsste aus der Beschreibung hervorgegangen sein),
  2. Januar ist, ein Monat, in dem ich (vorsichtig ausgedrückt) nicht gerade vor Enthusiasmus sprudele und
  3. hier ein ganzer Haufen Bücher rumliegt, die mich gerade mehr ansprechen (das Anker-Buch für die Jahreszeit; der 3. Teil von IQ84, den ich alleine schon lesen will, um nochmal auf Horays Blog-Posts zu antworten; diverse Weihnachtsgeschenke, etc.)

hab ich mich entschlossen, das Buch erstmal wegzulegen. Auf der Ebene des Leseprojekts fühlt sich das zwar nach Betrug an, aber a) ist das mein Projekt und wenn ich die Regeln ändern möchte, dann tue ich das und b) hab ich irgendwann mal beschlossen, dass das Leben zu kurz ist für Bücher, die ich nicht mag. Falls jemand das Buch fertig gelesen hat und der Meinung ist, dass mir wirklich etwas entgeht (oder ich schlichtweg was übersehen hab), kommentiert gerne und überzeugt mich vom Gegenteil!

Next stop: American Gods (Yes!)

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4 Gedanken zu “Unvorhergesehene Hindernisse – Oder: Wenn ein Lesender die Geduld verliert

  1. Pingback: Wenn ein Reisender in einer Winternacht | DichtBlick

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