Realität und Fiktion (A year in books – 1Q84)

»Was heißt wirklich«, fragte Fukaeri ohne fragende Intonation. Darauf wusste Tengo natürlich keine Antwort.

Der erste Monat meines „A year in books“-Projekts ist fast vorbei und das erste Buch ist gelesen: Haruki Murakamis 1Q84. Nun handelt es sich bei diesem Buch um eine Trilogie, deren Bücher 1 und 2 in einem Band zusammengefasst sind (diesen habe ich gerade gelesen). Mir fehlt also noch Band 3 und damit das Ende der Geschichte. Dennoch habe ich das Bedürfnis, ein paar meiner Gedanken, Theorien und Ideen dazu aufzuschreiben. Kurze Vorwarnung: Ich werde Euch fürchterlich zuspoilern und fürchte gleichzeitig, dass das Folgende völlig unverständlich bleibt, wenn man das Buch nicht gelesen hat (vielleicht machen die Spoiler dann aber auch nichts ;-)).

Das Buch

Dankenswerterweise hat Horay auf ihrem DichtBlicke-Blog eine sehr gute Zusammenfassung des Settings präsentiert, weshalb ich gleich darauf kommen möchte, was für mich thematisch im Vordergrund steht: Die Frage nach dem Wesen dessen, was wir Fiktion nennen und wie sich diese zu Konzepten wie Wirklichkeit/Realität verhält (und wie einige von Euch vielleicht wissen, steh ich auf Geschichten, die sich mit diesem Thema befassen). Diese These stützt sich auf drei Gedanken:

  1. Murakami verweist in dem Buch immer wieder auf andere Geschichten, Sagen und Tropes (sic!), von denen sich einige zumindest in Ansätzen auch mit der Frage befassen, was eigentlich die Realität auszeichnet oder formt. In gewisser Weise scheint die Geschichte ein Bewusstsein dafür zu haben, dass sie eine Geschichte ist.
  2. Im Buch (also der Geschichte 1. Ordnung – im Folgenden Geschichte/1) tauchen Geschichten 2. Ordnung auf (im Folgenden Geschichte/2). Zwei der Hauptfiguren haben gemeinsam das Buch „Die Puppe aus Luft“ verfasst. Diese Geschichte/2 sollte zu Geschichte/1 im gleichen Verhältnis stehen, wie die Geschichte/1 zu unserer „Realität“ (wo ist eigentlich George Spencer-Brown, wenn man ihn braucht?).
  3. Ich bin unsicher, ob die primären Handlungsstränge (Tengo und Aomame) wirklich beide auf der Ebene Geschichte/1 liegen oder ob es sich nicht vielmehr um verschiedene „Realitäts“-Ebene handelt. Ich finde es zumindest bemerkenswert, dass a) verschiedene Elemente deutlich später in Tengos Geschichte auftauchen als in Aomames und sich b) Ereignisse spiegeln und bei Aomame deutlich dramatischere Züge annehmen als bei Tengo (z.B. die Vorreiter). Auch wenn der Anschein erweckt wird, dass beide Geschichten in der gleichen Welt spielen, ist für mich nicht schlüssig nachgewiesen, dass z. B. der Tengo, der in Aomames Handlungsstrang erwähnt wird und der Tengo, der point-of-view-Charakter des anderen Handlungsstrangs ist, die gleiche Person sind. Lange Zeit bin ich davon ausgegangen, dass Aomames Geschichte der Roman ist, an dem Tengo schreibt (und dementsprechend der Ebene Geschichte/2 zugeordnet werden müsste). Leider gerät diese These zum Ende des Buches etwas ins Wanken…

Zu allem Überfluss benimmt sich das Buch dann auch noch nicht ordentlich: Bereits das Buch im Buch „Die Puppe aus Luft“ (Geschichte/2) handelt davon, dass die sogenannten „little people“ einen Zugang von ihrer Welt (streng genommen: Geschichte/3) in die Welt der Puppe aus Luft erlangen (also von Geschichte/3 in Geschichte/2 wechseln). Dieser Vorgang wiederholt sich dann in Geschichte/1. Anstatt also die „Realität“ des Buches (Geschichte/1) Realität und „Die Puppe aus Luft“ Geschichte/2 sein zu lassen, erlangen die „little people“ Zugang zu Aomames/Tengos Welt  und beginnen, sich virusartig in der Handlung von Geschichte/1 auszubreiten. Das Verhältnis dessen, was (im Erzähluniversum) Fiktion und was Realität ist, gerät darüber ins Wanken. Die Autor_Innen haben keine Macht mehr über ihre Geschöpfe. Das ist an sich schon mal ein faszinierendes Gedankenspiel, v. a. wenn man hinzu zieht, dass die Differenzierung in Geschichte 1/2/3… lediglich für das Erzähluniversum Relevanz hat. Im erzählten Universum ist der Unterschied nicht vorhanden: Alle Geschichten, egal auf welcher Ebene, sind Geschichten, die von Murakami erdacht und erzählt werden.

Realität und Fiktion

Nun könnte man dazu neigen, das alles als reines Gedankenspiel (um nicht zu sagen: Mindfuck) abzutun, mir dem Murakami lediglich seine Leser_innen irritieren möchte. Allerdings steckt m. E. da ein sehr grundsätzlicher Punkt drin: Die Fiktion (Geschichte/2) formt die Realität (Geschichte/1) – und nicht umgekehrt. Und damit ist genau die Frage nach dem Verhältnis von Realität und Fiktion angesprochen. Wir neigen dazu, unsere Welt mittels der Kategorien wahr/falsch (oder: unwahr) zu strukturieren (da guckt kurz mal der Luhmann um die Ecke). Es gibt

  1. Dinge, die sind: Das sind Tatsachen und
  2. Dinge, die nicht sind: Das sind Lügen, Hirngespinste oder eben Fiktionen.

Aber ich frage mich, ob diese Unterscheidung geeignet ist, um sich dem Wesen dessen, was Fiktion ausmacht, zu nähern und möchte das am Beispiel von Romeo & Julia erläutern. Das Stück ist 450 Jahre alt und von ich-weiß-nicht-wie-vielen Millionen Menschen gesehen, gelesen, gehört, erzählt worden. Romeo & Julia kennen so unglaublich viel mehr Menschen als z. B. … mich (und es ist davon auszugehen, dass das auch so bleibt. Es sei denn, dieser Blog hebt ganz unglaublich ab ;-)). Diese Geschichte ist in derartig vielen Köpfen verankert und hat vielleicht das Denken (oder auch das Handeln) von sehr vielen Menschen beeinflusst. Wer es moderner mag, möge an Harry Potter oder von mir aus auch an Batman denken: Diese Geschichten begleiten uns, z.T. über Jahrzehnte, in verschiedensten Medien: Bücher, Comics, Hörspiele, Filme, Fernsehserien, Videospiele, Theaterstücke, Musicals, Legofiguren etc. (zum Thema Batman gibt es dazu ein interessantes Interview mit Grant Morrison, vermutlich hab ich da auch die Idee her, auch wenn mir der Kollege Morrison gerne mal zu abgedreht denkt).

Ich will damit (offensichtlich!) nicht sagen, dass Fiktion und Realität das gleiche sind, aber: einfach zu behaupten, die Geschichte von Romeo & Julia sei „unwahr“ mag zwar sachlich richtig sein, wird aber doch dem Gegenstand nicht gerecht. Dabei handelt es sich doch offensichtlich um eine andere Klasse von „Fiktion“, als wenn ich behaupte, ich sei 2,30 Meter groß (Spoiler: bin ich nicht!). Für mich steht die Frage im Raum, ob wir das Wesen von Fiktion mit der Unterscheidung wahr/unwahr eingefangen kriegen oder ob sie nicht eigentlich einem Dritten zugeordnet werden müsste (was auch immer dieses „Dritte“ dann ist). Und ich finde, diese Frage ist in einem Buch, in dem Figuren aus der Geschichte/2 anfangen, auf die Ereignisse der Geschichte/1 Einfluss zu nehmen, grandios verhandelt.

Fazit

Allein für diese Fragen lohnt sich m.E. die Lektüre schon (obwohl ich zugeben muss, dass ich beim Lesen manchmal schon die Zähne zusammenbeißen musste. 1000 Seiten bleiben eben 1000 Seiten). Ich werde auf jeden Fall auch das dritte Buch noch in Angriff nehmen (und vielleicht machen wir auch noch einen Spoiler Alert dazu), aber erstmal wartet der nächste Kandidat auf meiner Liste: Für den Januar wäre „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ angesagt, vielleicht schiebe ich aber auch das Anker-Buch dazwischen und lese (mal wieder) „American Gods“. Ich könnte schließlich ein bisschen Entspannung gebrauchen. 😉

P.S.: Wenigstens ergibt der Titel des Blogs heute mal ein bisschen Sinn…

Disclaimer

Ich hege die ernsthafte Hoffnung, dass es sich bei diesem Text um ein einigermaßen kohärentes Stück Denkarbeit handelt, dem man irgendwie folgen kann. Rückmeldungen/eigene Gedanken/Ideen sind gerne erwünscht (aber denkt daran: Das sind alles Hypothesen und Interpretationen meinerseits, ich erhebe keinerlei Anspruch auf Richtigkeit oder gar „Wahrheit“).

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3 Gedanken zu “Realität und Fiktion (A year in books – 1Q84)

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